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In alter Zeit

Zeitrechnung für Familienforscher
von Tobias A. Kemper 

Für familiengeschichtliche Forschung sind grundlegende Kenntnisse der Zeitrechung vor allem im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit unerlässlich. Die folgenden Ausführungen sind nur als knapper Überblick gedacht; für weitergehende Informationen sei insbesondere verwiesen auf: 

Hermann Grotefend: Zeitrechnung des deutschen Mittelalters und der Neuzeit. 2 Bände, Hannover 1891–1898 [online]

Hermann Grotefend: Taschenbuch der Zeitrechnung des deutschen Mittelalters und der Neuzeit. Hannover 131991.

 

Astronomische Grundlagen

Die Zeitrechnung beruht seit der Antike auf drei Grundgegebenheiten: dem Jahr, dem Monat und dem Tag.

Ein Jahr ist die Zeit, in der die Erde einmal vollständig um die Sonne läuft. "Ein solches Jahr ist verflossen, wenn die Sonne an derselben Stelle ihrer scheinbaren Bahn, auf demselben Wendepunkte, sich befindet." (Grotefend: Taschenbuch, 1a) Ein solches sog. "tropisches Jahr" dauert 365 Tage, 5 Stunden, 48 Minuten, 46 Sekunden.

Für den Beobachter, der keine Kenntnis vom Lauf der Erde um die Sonne hat, ist der Ablauf eines Jahres etwa als der Zeitraum zwischen zwei Winter- oder Sommersonnenwenden zu verstehen.

Ein Monat ist ursprünglich der Zeitraum von einem von der Erde aus zu beobachtenden Neumond bis zum nächsten. Dieser "synodische Monat" dauert 29 Tage, 12 Stunden, 44 Minuten, 3 Sekunden.

Ein Tag ist die Zeitdauer einer vollständigen Umdrehung der Erde um ihre eigene Achse, annäherungsweise auch beschreibbar als die Zeit von einem Sonnenaufgang zum nächsten.

 

Kalenderrechung

Das Problem einer jedweden Kalenderrechnung besteht darin, dass diese drei Konstanten Jahr, Monat, Tag rechnerisch nicht ohne weiteres miteinander in Beziehung gebracht werden können. Besonders augenfällig ist die Tatsache, dass ein Jahr nicht einer exakten Anzahl Monate entspricht. Deswegen wurde in der Kalenderrechnung schon früh darauf verzichtet, die Kalendermonate mit dem synodischen Monat zu synchronisieren. Ein Kalendermonat ist mit 30 oder 31 Tagen stets etwas länger als der synodische Monat von 29 Tagen und knapp 13 Stunden Dauer.

Der noch heute verwendete Kalender geht auf die römische Antike zurück. In sehr früher Zeit begann das Jahr vermutlich mit der Frühjahrs-Tag-und-Nacht-Gleiche und war in zehn Monate unterteilt. Der erste Monat war der März; aus dieser Phase rühren die Monatsnamen September ("Siebter"), Oktober ("Achter"), November ("Neunter"), Dezember ("Zehnter"). Die Zeit zwischen Ende Dezember und März war nicht in Monate unterteilt, weil in dieser Zeit das öffentliche Leben und die bäuerliche Tätigkeit weitgehend ruhte.

Zu einem nicht genau bestimmbaren Zeitpunkt wurde dieser zehnmonate römische Kalender um die Monate Januar und Februar ergänzt. Zugleich wurde der Jahresanfang auf den 1. Januar gelegt, wie der Name Januar erkennen läßt (zu ianua 'Tür, Pforte'; Januar als 'der das Jahr eröffnende Monat').

 

Der julianische Kalender

Der julianische Kalender ist nach Caius Iulius Caesar benannt, der 45 v. Chr. eine Reform des römischen Kalenders durchsetzte. Die Dauer eines Jahres wurde mit annäherungsweise 365 Jahren und sechs Stunden berechnet; die Dauer des Kalenderjahres wurde auf 365 Tage festgelegt. Zum Ausgleich der Differenz von jährlich sechs Stunden sollte alle vier Jahre ein Schalttag, der 29. Februar, eingefügt werden. Vier Jahre wurden also mit 1461 Tagen gleichgesetzt, die aufgeteilt wurden in drei Jahre zu 365 Tagen und ein Jahr zu 366 Tagen.

 

Der gregorianische Kalender

Schon im Mittelalter war erkannt worden, dass die Berechnung des Jahres mit 365 Tagen und sechs Stunden ungenau ist. Das astronomische Jahr dauert nur 365 Tage, 5 Stunden, 48 Minuten, 46 Sekunden, und somit ist das Kalenderjahr des julianischen Kalenders elf Minuten und 14 Sekunden zu lang. Diese 11 Minuten Unterschied addieren sich in jeweils 128 Jahren zu einem ganzen Tag Unterschied; pro 128 Jahre ging der julianische Kalender einen Tag vor. Im 16. Jahrhundert betrug der Unterschied schon zehn Tage; die Frühlings-Tag-und-Nacht-Gleiche, die am 21. März zu erwarten war, konnte schon am 10. März beobachtet werden.

Zum Ausgleich wurde unter Papst Gregor XIII. beschlossen, diese Differenz durch die einmalige Auslassung von zehn Kalendertagen auszugleichen und zukünftig alle 400 Jahre drei Schalttage auszulassen. Deswegen waren nur die Jahre 1600 und 2000 Schaltjahre, die Jahre 1700, 1800, 1900 hingegen nicht.

Die Einführung des gregorianischen Kalenders erfolgte 1582, in dem auf den 4. Oktober sofort der 15. Oktober folgen sollte. Diese Kalenderreform wurde allerdings nicht allgemein und überall zu diesem Termin durchgeführt, sondern zunächst nur in den katholischen Ländern, und zwar meist 1583 oder 1584. 

[hier eine Auswahl]:

4.–15.10.1582: Italien, Spanien, Portugal

9.–20.12.1582: Frankreich, Lothringen

21.12.1582–1.1.1583: Holland, Brabant, Flandern, Hennegau

10.–21.2.1583: Bistum Lüttich

4.–15.10.1583: Erzbistum Trier

2.–13.11.1583: Herzogtum Jülich-Berg

3.–14.11.1583: Stadt und Erzbistum Köln

11.–22.11.1583: Erzbistum Mainz

17.–28.11.1583: Herzogtum Kleve

20.6.–1.7.1584: Herzogtum Westfalen

Die protestantischen Länder lehnten die "katholische" Kalenderreform ab und hielten an der julianischen Zeitrechnung fest. Damit gab es im Reich und in ganz Europa keine einheitliche Zeitrechnung mehr, sondern zwei unterschiedliche Kalender mit einer Differenz von zehn und mehr Tagen. Teilweise wurden in der Konsequenz auch die kirchlichen Feiertage zu unterschiedlichen Zeiten begangen. Ein Beispiel: In einem katholischen Territorium war der 31. März 1641 der Ostersonntag, während für die Protestanten erst der 21. März und noch lange nicht Ostern war. Nach altem Stil fiel Ostern auf den 25. April 1641 – für die Katholiken war das dann schon der 5. Mai (der Sonntag vor Christi Himmelfahrt).

Die protestantischen Länder in Deutschland führten den gregorianischen Kalender überwiegend im Jahr 1700 durch Übergang vom 18. Februar auf den 1. März ein, manche Länder noch später (Rumänien erst 1924).

 

Praktische Konsequenzen

Zwischen 1582 und 1700 muss für die Territorien in Deutschland mit einem Nebeneinander von julianischem und gregorianischem Kalender gerechnet werden. Doppeldatierungen finden sich überwiegend in Quellen von überregionalem Bezug (Erlasse, Briefe), aber kaum in Quellen von primär regionalem Bezug (Kirchenbücher). Zur Entscheidung, ob ein Datum in einer Quelle dem julianischen oder dem gregorianischen Kalender folgt, muss man folglich wissen, zu welchem Territorium der fragliche Ort gehörte und wann dort die Kalenderreform stattgefunden hat. Das Nebeneinander der beiden Zeitrechnungen ist vor allem dann zu beachten, wenn etwa Beurkundungen teils in einem katholischen, teils in einem evangelischen Kirchenbuch erfolgt sind. In diesem Falle ist mit einer möglichen Datumsdifferenz zu rechnen.

Für die Datenerfassung in der genealogischen Forschung empfiehlt es sich, der Datierung des jeweiligen Kirchenbuches bzw. der verwendeten Quelle zu folgen, allein deswegen, weil nicht immer mit Sicherheit bekannt ist, ob das Datum dem julianischen oder dem gregorianischen Kalender folgt. Eine Umrechnung des julianischen in den gregorianischen Kalender ist nicht empfehlenswert, aber ggf. sollte (in einem Familienbuch, einer Verkartung) vermerkt werden, welcher Kalender zu welcher Zeit galt.

 

Der Jahresanfang

In der römischen Zeitrechnung begann das Jahr zunächst am 1. März, dann am 1. Januar (vgl. oben). Im christlichen Mittelalter wurde der Jahresanfang zu verschiedenen Terminen angesetzt; die verschiedenen Jahresanfänge wurden nebeneinander verwendet:

1. Januar (Circumcisionsstil, nach dem Fest "Circumcisio Domini" = "Beschneidung des Herrn")

1. März

25. März (Annunciationsstil, nach dem Fest "Annuntiatio Domini" = "Verkündigung des Herrn"): Erzbistum Trier

Ostern (Osterstil)

1. September (byzantinischer Stil): Byzanz

25. Dezember (Weihnachtsstil): kaiserliche Kanzlei; Stadt und Erzbistum Köln; Erzbistum Mainz

Wenn der 25. Dezember als Jahresanfang galt (wie in der kaiserlichen Kanzlei), dann folgte z. B. auf den 24. Dezember 1205 der 25. Dezember 1206. In den letzten Dezembertagen differieren also die mittelalterliche und die heutige Zeitrechnung:

Mittelalter        heute

24.12.1205      24.12.1205

25.12.1206      25.12.1205

26.12.1206      26.12.1205

27.12.1206      27.12.1205

28.12.1206      28.12.1205

29.12.1206      29.12.1205

30.12.1206      30.12.1205

31.12.1206      31.12.1205

01.01.1206      01.01.1206

Die Differenzen, die sich aus dem unterschiedlichen Jahresanfang ergeben, werden in der Geschichtswissenschaft auf die heute übliche Zählung umgerechnet. Das ist deswegen zwingend notwendig, damit man Daten vergleichen und chronologische Abfolgen erstellen kann. Ein Beispiel: Die Krönung Karls des Großen ist in den Reichsannalen für den 25.12.801 vermeldet, den Tag nach dem 24.12.800 – nach heutiger Rechnung fand die Krönung am 25.12.800 statt (und ist so in jedem Lexikon verzeichnet). Es wäre völlig irreführend, die historischen Datumsangaben ohne Umrechnung zu übernehmen, ganz abgesehen davon, dass im Mittelalter Jahreszahlen teilweise auch fehlen und die Datierung durch die Angabe der Regierungsjahre der Herrscher oder der Päpste erfolgt.

Die unterschiedlichen Jahresanfänge dürften bei der Familienforschung in der Regel keine Rolle spielen, da sich spätestens im 16. Jahrhundert der 1. Januar als Jahresanfang weitgehend durchgesetzt hat.

Astronomische Grundlagen
Der Lauf der Sonne bestimmt die Länge eines Jahres, der Lauf des Mondes jene des Monats und die Drehung der Erde den Tag.

Kalenderrechnung
Die Römer begannen das Jahr mit dem März und hatten zunächst nur zehn Monate, die einfach durchnummeriert waren.

Der julianische Kalender
Caius Iulius Caesar zwang das Jahr in ein festes Schema und synchronisierte Jahr, und Monate.

Der gregorianische Kalender
Papst Gregor XIII beseitigte die Unge- nauigkeit von mittlerweile zehn Tagen mit einem Kalendersprung und Schalttagen.

Praktische Konsequenzen
Forscher müssen stets die Herrschaftlichen Verhältnisse mit ihrem möglichen Einfluss auf das Datum berücksichtigen.

Der Jahresanfang
Im Mittelalter wechselte teilweise mit dem Jahreswechsel am 24./25.12. die Jahreszahl. Eine Umrechnung ist sinnvoll.

Der Revolutionskalender
Die Französische Republik schaffte die kirchliche Zeitrechnung ab und erfand eine Woche mit zehn Tagen.